Hinter der Mauer des Schweigens

Amnesty Journal Februar 2010

Hinter der Mauer des Schweigens

Mit 14 wurde Semra verheiratet und misshandelt. In einem Frauenhaus in Istanbul bekommt sie Schutz und die Chance auf ein neues Leben.

In dem hellen freundlichen Holzhaus in einem Altstadtviertel von Istanbul hat das Lern- und Spielzimmer eine zentrale Funktion. Hier können die Kinder Aggressionen abbauen und traumatische Erfahrungen kreativ verarbeiten oder sich einfach die kindliche Langeweile vertreiben. In verschiedenen Kartons lagern Bücher, Spiele, Puppen, Stofftiere, Malutensilien und Kuscheldecken für die Kinder der verschiedenen Altersgruppen. Die Kleineren stürzen sich jubelnd auf die begehrten Schätze. Keines der Kinder hat jemals so viel Spielzeug besessen. Es sind von der Verwaltung des Stadtteils gesammelte Spenden von Unternehmern, Vereinen und Privatleuten für das Frauenhaus. 15 Frauen und jugendliche Mädchen, sechs Kleinkinder und zwei Babies leben hier auf zwei Etagen.

Die 14-jährige Semra sitzt still in der Ecke auf einem schemelartigen Filzwürfel und häkelt. Sie trägt Jeans und ein modisches buntes Longshirt, das herzförmige, hübsche Gesicht ist auf die Handarbeit gerichtet. Auf den ersten Blick ein ganz normaler Teenager. Sie knabbert vor konzentrierter Anspannung an der Unterlippe, als der feine Faden in dem gerade entstehenden Spitzendeckchen hängen bleibt. Ihre Züge entspannen sich erst wieder, als die Häkelnadel erneut in gleichmäßigen, schnellen Bewegungen das filigrane Gewebe entstehen lässt.

Sobald eine der Mütter der tobenden Kinder den Kopf zur Tür hereinsteckt, springt das Mädchen nervös auf und beginnt, sich nützlich zu machen. „Soll ich ein Glas Wasser holen?“, fragt sie, „brauchst du etwas anderes, Schwester?“, Angst schwingt in ihrer Stimme. Sabiha, eine 30-jährige Mitbewohnerin, die mit einem quirligen Dreijährigen vor dem gewalttätigen Ehemann in das Frauenhaus geflohen ist, legt ihr beruhigend den Arm um die Schultern. „Entspann dich“, sagt sie sanft, „du musst hier gar nichts tun.“ Als eine Stimme aus der Küche zum Tischdecken in den Speisesaal ruft, eilt Semra als erste und einzige Freiwillige wie erleichtert zum Küchendienst.

Sahide Kaya, die Leiterin des Frauenhauses, hat Erfahrung mit Jugendlichen aus traditionellen Familien. Sie war früher Lehrerin in einem der Vororte Istanbuls. Auch dort lebten viele Migrantenfamilien aus den ostanatolischen Provinzen. Semras Geschichte ist für sie eine von vielen ähnlichen Fällen. Vor drei Monaten kam ein Anruf aus der ostanatolischen Provinz Van. Die dortige Stadtverwaltung suchte dringend einen Platz für Semra.

Das Mädchen war mit starken vaginalen Blutungen von einer Verwandten in einer der Vorortambulanzen abgeliefert worden. Da es dort keine gynäkologische Abteilung gab, wurde sie gleich weiter in die Universitätsklinik Van verlegt. Dort schlossen die Ärzte von den Verletzungen des Uterus auf eine unsachgemäß durchgeführte Abtreibung. Gleichzeitig waren an Semras Körper Spuren von Misshandlungen offenkundig, von blauen Flecken bis zu den Malen ausgedrückter Zigaretten auf den Oberschenkeln. Das verstörte Mädchen war nicht in der Lage, sie zu erklären.

Von der Familie verstoßen

Polizeiliche Ermittlungen wurden eingeleitet, denn die Psychologen kamen schnell zu der Ansicht, dass Semra unter Androhung schlimmer Strafen verboten worden war, zu reden. Die Familie lebt in einem der Vororte von Van in einem Etagenhaus. Eltern, Onkel und Tanten stellten sich ahnungslos. Nein, niemand konnte sich erklären, was geschehen sei. Was für eine Schande, eine Abtreibung, sie sei doch noch ein Kind. Recherchen im Umfeld ergaben ein ganz anderes Bild: Semra war im Sommer mit knapp 14 Jahren mit einem Cousin in einer islamischen Trauung verheiratet worden.

Das ist in der Türkei gesetzlich verboten und erfolgt dementsprechend mittlerweile auch auf dem Lande in aller Heimlichkeit. Das gesetzliche Mindestalter für Trauungen, die auf dem Standesamt erfolgen müssen, ist 17. Zusammen mit dem 19-jährigen Ehemann lebte die Kinderbraut bei den Schwiegereltern. Dass Semras Schwangerschaft Folge einer Vergewaltigung gewesen sein könnte, ließen die Brandspuren an ihren Beinen vermuten. Die Ärzte im Krankenhaus von Van stellten fest, dass die durch Zigarettenglut verursachten Male bereits einige Wochen alt sein mussten. Ob sie das Mittel des Cousins waren, sie gefügig zu machen, ließe sich nur durch eine Aussage Semras herausfinden. Doch das Mädchen schweigt und hat wohl gute Gründe dafür.

Bei den Ermittlungen in Van zeigte sich, dass der Familienclan wie Pech und Schwefel zusammenhält. Die Eheschließung wird geleugnet, Semra soll vor Wochen einfach verschwunden sein, die Familie stigmatisiert sie ausnahmslos als Ausreißerin und ungehorsame Tochter. Auch die Nachbarschaft ist nicht bereit, vor Gericht auszusagen. „Niemand will sich wegen einer 14-Jährigen eine Konfrontation mit der gesamten Familie aufhalsen“, meint Sahide Kaya bitter.

Das Spannungsfeld zwischen den immer noch in manchen Regionen gelebten überkommenen patriarchalen Traditionen und der sich in den vergangenen fünf Jahren durch die Gesetzesanpassungen an EU-Normen rapide verändernden Rechtspraxis trifft leider wieder das Opfer. Ließe sich die sexuelle Beziehung zu dem volljährigen Cousin nachweisen, drohten diesem bis zu zehn Jahre Haft. Noch vor fünf Jahren erlaubte das türkische Familiengesetz in Ausnahmefällen Eheschließungen mit 14-Jährigen. Sexuelle Übergriffe an Minderjährigen wurden so immer wieder durch die Verheiratung des Opfers mit dem Vergewaltiger „geregelt“.

Die jetzige Gesetzgebung soll das verhindern. In Semras Fall führte das Eingreifen der Behörden jedoch zu einer Verstoßung des Opfers durch die Familie. Auch wenn Sahide Kaya eine Verurteilung des Täters wünscht, weiß sie aus Erfahrung, weshalb Semra schweigt. „Unter diesen Umständen muss Semra im Fall einer Aussage ­Todesangst haben. Die öffentliche Preisgabe dieser delikaten ­Familieninterna würde niemals verziehen“, meint sie.

Die Einrichtungen, die Frauen und Mädchen aufnehmen, sind dem Andrang kaum gewachsen. Bislang gibt es in der Türkei nur 50 Frauenhäuser, acht befinden sich momentan noch im Bau. Seit 2004 ist gesetzlich vorgeschrieben, dass Gemeinden mit jeweils 50.000 Einwohnern eine solche Einrichtung betreiben müssen. Doch allein in Istanbul leben mindestens sechs Millionen Frauen, es gibt nur sechs Frauenhäuser. Immer wieder klingelt das Telefon. Aus ganz Istanbul suchen Beratungsstellen und soziale Einrichtungen nach Zufluchtsorten für Betroffene. Und so wie im Fall Semra werden oft auch Mädchen aus der Provinz aufgenommen, um sie vor dem Familienumfeld zu verbergen und nachhaltig zu schützen.

Selbstbewusstsein schaffen

Eine 17-Jährige hat es geschafft, Semra aus der Küche in die Fernsehecke zu locken. Sie legt eine DVD ein und überzeugt die Jüngere davon, ein Video anzuschauen. Semras selbstgewählte Fügung in die gewohnte Rolle der Haushaltssklavin ist typisch für Opfer von Zwangsverheiratungen. In Familien wie der ihren dient die Schwiegertochter oft auch als Dienstmagd. Semra muss sich erst langsam daran gewöhnen, dass sie nicht Tag und Nacht Kartoffeln schälen, Tee servieren, spülen und waschen muss, um akzeptiert und gemocht zu werden.

Ihre Mitbewohnerin Zehra stammt aus einem weit entlegenen Stadtteil Istanbuls. Auch sie ist Opfer einer Vergewaltigung innerhalb der Familie. Doch anders als die fast analphabetische Semra, die nur unregelmäßig die Grundschule besuchen durfte, fand Zehra Hilfe an ihrem Gymnasium. In der Oberstufe schaute sich ihre Klasse im Unterricht Ausschnitte der TV-Serie „Güldünya“ an. Der Titel orientierte sich an einer wahren Geschichte.

Im Dezember 2003 brachte die 22-jährige Güldünya Tören in Istanbul einen Sohn zur Welt, dem sie den Namen „Umut“, Hoffnung, gab. Die Kurdin aus dem südostanatolischen Bitlis war von einem Cousin vergewaltigt worden und hatte sich zu Verwandten nach Istanbul geflüchtet. Nach einem Todesurteil durch den Familienclan fanden die Brüder ihre Spur und erschossen die Wehrlose in einem Krankenhaus. Heute verbüßen sie eine lebenslange Freiheitsstrafe. Güldünya und ihr verwaistes Baby sind mittlerweile in der Türkei Symbolfiguren für Opfer von sinnloser Gewalt.

In der TV-Serie des Regisseurs Ömür Atay steht ein Kommando der Polizei im Vordergrund. Seine Einsätze sind fiktiv, aber die Handlung orientiert sich an der Realität des tatsächlich existierenden polizeilichen Frauen-Notrufs. Auch wenn die Serie eine idealisierte Form staatlicher Hilfe zeigte, hatte sie doch eine entscheidende aufklärerische Wirkung: Die Gewalt in den Familien wurde schonungslos thematisiert. Parallel zur Ausstrahlung von September 2008 bis Februar 2009 erschien eine Studie, die das Büro des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan veröffentlichte und die landesweit für Empörung sorgte.

Danach werden fast 40 Prozent der Frauen von ihren Männern geschlagen, getreten, gewürgt oder mit einer Waffe angegriffen. Über sexuelle Gewalt berichteten 15 Prozent der Frauen. Sieben Prozent gaben an, als Kind sexuell missbraucht worden zu sein. Jede zehnte Frau wurde während der Schwangerschaft geschlagen. Ein Drittel der misshandelten Frauen hat im Laufe ihres Lebens schon überlegt, wegen der Übergriffe Selbstmord zu begehen.

Auch die 16-jährige Zehra hatte mit dem Gedanken gespielt, sich aus dem achten Stock der elterlichen Wohnung zu stürzen. Der Lebensgefährte der Mutter hatte sie mehrfach vergewaltigt. Die Ignoranz der wegschauenden Mutter, Scham und die Angst vor einer Schwangerschaft nagten am Lebensmut der Jugendlichen. Im September traute sie sich endlich, sich der Klassenlehrerin anzuvertrauen. Im Frauenhaus lernt sie nun zusammen mit Mädchen wie Semra, die Schatten der Vergangenheit hinter sich zu lassen und einen eigenen Weg einzuschlagen.

Semra möchte zur Schule gehen. Sehide Kaya wird versuchen, eine Patenfamilie oder einen Heimplatz für sie zu organisieren. Zehra wird bald 18. Ihr Ziel ist es, die Universitätsaufnahmeprüfung zu schaffen und mit Gleichaltrigen in einer Wohngemeinschaft zu leben.

Von Sabine Küper.
Die Autorin ist Journalistin und lebt in Istanbul.