Der Chor vom Gezi-Park

Amnesty Journal August 2013

DER CHOR VOM GEZI-PARK

Die Protestbewegung in der Türkei hat ihren eigenen Soundtrack. Er findet sich im Internet dokumentiert.

Von Daniel Bax

Als der Pianist Davide Martello von den Protesten in der Türkei hörte, war er gerade auf einer Konzertreise durch Osteuropa in Sofia angelangt. Kurzerhand packte der 31-jährige Musiker aus Konstanz sein Klavier in einen Transporter und machte sich auf nach Istanbul. Umringt von Hunderten von Menschen saß er wenig später an seinem roterleuchteten Piano mitten auf dem Taksim-Platz und spielte, unbeeindruckt von Polizeiaufgebot und Wasserwerfern, bekannte Lieder wie „Imagine“ von John Lennon und türkische Songs, in die seine Zuhörer einstimmten. Die Bilder dieser unwirklichen Szenen gingen um die Welt und wurden tausendfach im Netz verbreitet. Auf seiner eigenen Facebook-Seite schrieb Martello, er hoffe, die Politiker mit seinen Kompositionen umstimmen zu können. Geklappt hat das nicht: Als ein Großaufgebot der Polizei am Samstag, den 15. Juni, den Gezi-Park am Taksim-Platz räumte, beschlagnahmten die Beamten auch sein Klavier, Auto und Handy.

Der Pianist aus Deutschland war nicht der einzige Musiker, der in diesen bewegten Tagen im Juni auf dem Taksim-Platz, dem Zentrum der Massenproteste gegen den autoritären Regierungsstil des türkischen Premiers Erdoğan, unterwegs war. An allen Ecken des Zeltlagers im Gezi-Park ertönte abends Musik, zahlreiche Youtube-Clips dokumentieren den Soundtrack der Protestbewegung. Worum es dabei ursprünglich ging, zeigt der Song „Tencere Tava Havası“, das „Lied der Töpfe und Pfannen“, von Kardeş Türküler („Lieder der Brüderlichkeit“). Darin fragt das bekannte Folk-Ensemble aus Istanbul: „Was ist mit unserer Stadt passiert?“ Die Antwort gibt es selbst: „Sie haben Kinos und Plätze geschlossen, Wälder abgeholzt, die Viertel mit Shopping Malls und hässlichen Gebäuden zugepflastert.“ Der Refrain lautet: „Wir haben genug, welche Arroganz! Welcher Hass!“ Der Titel bezieht sich auf das Schlagen auf Töpfe und Pfannen, das jeden Abend um 21 Uhr in mehreren Stadtvierteln Istanbuls aus Protest gegen die Regierung ertönte – Gläser und Kochgeschirr geben den Rhythmus des Liedes an.

Die Vielfalt der Songs, die zur Begleitmusik der Proteste wurden, zeigt die Bandbreite der Milieus, aus denen sich diese speisen. Berühmt geworden ist der Clip des Jazzchors der Boğaziçi-Universität in Istanbul, der im nächtlichen Park ein A-Capella-Ständchen auf die „Çapulcus“ angestimmt hat, die „Marodeure“, wie Erdoğan die Demonstranten genannt hat. Zur Hymne der Proteste aber avancierte der Rocksong „Eyvallah“ der türkischen Band Duman, der von Tränengasschwaden, Schlägen ins Gesicht und trotziger Selbstbehauptung handelt. „Die Plätze gehören uns, vergiss das nicht, dieses Land ist unser“, heißt es darin voller Pathos.

Die meisten Clips sind mit Bildern von den Protesten, von exzessiver Polizeigewalt und brennenden Zelten untermalt. Beim euphorischen Elektro-Track „Everyday I’m Chapulling“, das vom US-Duo LMFAO geborgt wurde, wirkt der Zusammenschnitt von klatschenden und tanzenden Demonstranten mit Gasmasken und Guy-Fawkes-Masken wie ein ekstatischer Freiluft-Rave. Selbst der Tränengasnebel und die Leuchtmunition der Polizei fügen sich darin ein.