Das Recht anders zu sein

AMNESTY JOURNAL OKTOBER 2008

DAS RECHT, ANDERS ZU SEIN

Sie entsprechen nicht der Norm und werden dafür verfolgt: Wegen „unmoralischer Orientierung“ ist in Istanbul ein Homosexuellen-Verein verboten worden. Schwule, Lesben und Transvestiten müssen in der Türkei jedoch nicht nur mit juristischen Schikanen rechnen. Viele bezahlen ihre sexuelle Neigung mit dem Leben. Nicht selten kommen die Täter aus der eigenen Familie.

  • Von Sabine Küper (Text) und Robert Huber/lookat (Fotos)

Drei Schüsse trafen den 26-jährigen Physikstudenten Ahmet Yildiz am 17. Juli 2008 im Istanbuler Stadtteil Üsküdar in die Brust, als er gerade ein Café verlassen wollte. Schwerverletzt versuchte er noch mit dem Auto zu fliehen, doch seine Mörder beschossen ihn aus einem entgegenkommenden Fahrzeug. Nach wenigen Metern verlor der Aktivist des türkischen Homosexuellenverbandes Lambda die Kontrolle über seinen Wagen. Herbeieilende Passanten alarmierten die Polizei und riefen einen Krankenwagen. Doch der Kurde aus der südostanatolischen Provinz Mardin starb wenig später im Krankenhaus. Im vergangenen Jahr noch hatte Yildiz den Verband bei einem schwul-lesbischen Festival in San Francisco vertreten. Auf einem Photo ist ein fröhlich lächelnder junger Mann vor einem Lattenzaun in Regenbogenfarben zu sehen. Ahmet Yildiz gehörte zu den so genannten „Bären“ in der Türkei – eine Fraktion der Schwulenbewegung, die eine von patriarchalischen Zwängen befreite Männlichkeit anstrebt.

Vor einigen Wochen hatte Yildiz in einem unter der Hand kursierenden Magazin der „Bären“ erklärt, dass er seiner Familie die Wahrheit über seine sexuelle Neigung gesagt habe. „Endlich muss ich nicht mehr mit Lügen leben“, schrieb er. Allerdings erwähnte er auch, dass er daraufhin Todesdrohungen erhalten hatte.

Erst nach dem Mord stellte sich heraus, dass der Student an der Istanbuler Marmara-Universität bereits vor fünf Monaten Anzeige wegen Morddrohungen erstattet hatte. Die Polizei unternahm jedoch nichts, obwohl die Beamten mittlerweile angehalten sind, im Falle eines drohenden Ehrenmordes sofort aktiv zu werden.

Im Istanbuler Büro von Lambda wundert sich niemand über die Tatenlosigkeit. Die 29-jährige Psychologin Izlem Aybasti korrigiert energisch einen Bericht der britischen Tageszeitung Independent. Darin wurde Yildiz als das erste schwule Opfer eines Ehrenmordes bezeichnet. „Es gibt natürlich viele homosexuelle Ehrenmordopfer, nur werden sie meist als unaufgeklärte Morde vertuscht“, sagt sie. Die Istanbuler Mordkommission ließ zunächst durchblicken, dass es konkrete Hinweise auf eine Verwicklung der Familie gäbe. Doch dann gab es keine weiteren Informationen. „Mittlerweile schweigen sie, die meisten Polizisten verstehen doch, wenn Familien Homosexuelle als Perverse umbringen lassen“, so Aybasti.

Freunde berichteten dem Verein, dass Ahmet Yilmaz von seiner Familie unter Druck gesetzt worden sei. Sie hatte ihn aufgefordert, in seine Heimatprovinz zurückzukehren, sich psychologisch behandeln zu lassen und zu heiraten. Doch nicht nur aus dem familiären Umfeld droht Gefahr. Auch das Gesetz diskriminiert Homosexuelle noch in vielen Fällen. So können sich schwule Männer vom Militärdienst als untauglich befreien lassen, sie müssen dafür aber homosexuelle Praktiken „nachweisen“: Mehrere homosexuelle Rekruten berichteten, dass sie entsprechende Videoaufnahmen vorlegen sollten. Homosexualität wird in der Türkei auch als Kündigungsgrund akzeptiert. Sie ist zwar nicht verboten, doch das „Verhalten gegen die öffentliche Moral und den Schutz der Familie“ ist weiterhin strafbar.

Im Alltag kommt es zudem immer wieder zu Übergriffen durch Sicherheitskräfte. Ein im vergangenen Mai von Human Rights Watch veröffentlichter Bericht über Menschenrechtsverletzungen aufgrund sexueller Orientierung oder Geschlechts¬identität dokumentiert unter anderem Fälle von Vergewaltigung und Folter durch die türkische Polizei.

Demnach berichteten 89 Prozent der befragten Transsexuellen über körperliche und sexuelle Gewalt, der sie ausgesetzt sind. Aus Angst vor Demütigungen wandten sich jedoch nur wenige auch an die Polizei.

Bei Lambda gibt es verschiedene Arbeitsgruppen und Kommissionen, die sich mit den vielfältigen Problemen auseinandersetzen. Seit 2007 trifft sich regelmäßig eine Transvestiten- und Transsexuellengruppe, es existiert auch ein Gesprächskreis für Angehörige von Homosexuellen. Mittlerweile nehmen Angehörige an den Protestveranstaltungen teil und präsentieren sich in den Medien, um zu zeigen, dass es auch Beispiele von Akzeptanz und Toleranz in den Familien gibt. Die Homosexuellenbewegung hat in den vergangenen Jahren in der öffentlichen Meinung viel bewegen können, umso größer war die Entrüstung, als der Verein am 29. Mai durch die Entscheidung eines Istanbuler Gerichtes geschlossen wurde. Lambda bildete sich 1993 nach dem Verbot des Christopher-Street-Days durch den Gouverneur von Istanbul zunächst als Initiative. Als 2006 der Vereinsstatus beantragt wurde, strengte der Istanbuler Gouverneur Muammar kurz darauf ein Verbot von Lambda wegen „unmoralischer Orientierung“ an.

Anders als in vergleichbaren Prozessen gegen Homosexuellenvereine in Ankara entschied das Istanbuler Gericht, die Ziele des Verbandes seien „untürkisch“. Der Anwalt von Lambda beantragte nach dem Urteil sofort Revision. Und Tufan Ögüz, Professor für Zivilrecht und unabhängiger Experte im Verfahren gegen Lambda, legte dem Gericht ein Gutachten vor, das den Vorwurf „unmoralischer Aktivitäten“ widerlegt. Außerdem verwies er auf die Prozesse gegen die Ankaraner Homosexuellenvereine „Chaos GL“ und „Pembe Hayat“ (Rosa Leben), die mit einem Freispruch endeten: „Es kann ja in Ankara kein anderes Zivilrecht herrschen als in Istanbul“, meinte Ögüz.

Trotz der unsicheren Rechtslage ist man bei Lambda momentan gelassen. „Seit der Prozess gegen uns angestrengt wurde, kommen immer mehr Leute zum Gay-Pride. Im vergangenen Jahr zählten wir 1.500 Teilnehmer, in diesem Jahr waren es schon 2.500“, berichtet Haziran Düzkan, eine 22-jährige Musikstudentin aus Istanbul. Die Aktivisten finden es besonders wichtig, dass sich mittlerweile auch andere zivilgesellschaftliche Gruppen und Aktivisten solidarisieren. Die feministische Bewegung kooperiert bereits seit langem, doch auch die Antimilitaristen und auch linke und kurdische Gruppen nehmen an Demonstrationen und Kundgebungen der Homosexuellenbewegung teil. Lambda rechnet bis Ende des Jahres mit einer Entscheidung des Revisionsgerichtes. Ein legaler Status ist entscheidend für den wirksamen Kampf gegen Gewalt und Diskriminierung.

Der Mord an Ahmet Yilmaz ist schließlich kein Einzelfall. Die Aktivisten selbst unterscheiden zwischen Ehren- und so genannten Hassmorden: „Ein Hassmord wird besonders brutal ausgeführt“, sagt Derya von der Transvestiten- und Transsexuellengruppe bei Lambda. „Während ein Täter bei einem Ehrenmord gemeinhin im Affekt ein- bis zweimal schießt oder mit dem Messer zusticht, wird bei einem Hassmord der Körper des Opfers regelrecht zerfetzt. Die Mörder fühlen sich im Recht, weil das Opfer für sie kein vollständiger Mensch ist, sondern eine unwürdige, ehrlose, verachtenswerte Kreatur.“ Hassmorde sind seit Jahren eine grausame Realität. Sie spielen sich vor allem im Rotlichtmilieu des Innenstadtviertels Beyoglu ab, der größten Vergnügungsmeile Istanbuls. Vor einem Jahr wurde im Fastenmonat Ramadan der 39-jährige Mehmet Ugur Marangoz ermordet. Freunde fanden seinen misshandelten, nackten Körper mit durchgeschnittener Kehle im Bett. Die Polizei suchte danach Marangoz Liebhaber als Tatverdächtigen. Die Tatsache, dass der Ermordete vor seinem Tod Sex hatte und ihm die Hände auf den Rücken gebunden waren, deuteten jedoch eher auf mehrere Täter und auf eine Vergewaltigung hin. „Die Vergewaltigung eines bekennenden Schwulen wird als solche weder untersucht noch in Betracht gezogen“, erklärt Derya. „Schwuler Sex ist nach dem Gesetz gegen die Moralvorstellungen, Vergewaltigungsklagen sind da ganz unerwünscht.“

Insgesamt werden die meisten Morde in der Szene fast umgehend als milieubedingt zu den Akten gelegt. So schert sich niemand um den oder die Mörder des 22-jährigen Transvestiten Abdullah Ucele, der unter dem Spitznamen „Ece“ in Beyoglu nachts als Sexarbeiter Kunden suchte und Anfang August 2007 auf der Straße erstochen wurde. Kurz vor dem Mord wurde Ece, der auch bei Lambda aktiv war, bei einer Demonstration für die Rechte von Homosexuellen von Nationalisten gefilmt. Ein politisch motiviertes Motiv wäre in seinem Fall daher durchaus möglich. In den Akten ist allerdings nur von einer „nächtlichen Messerstecherei während illegaler Prostitution“ die Rede.

Lambda sind 18 Morde an Homosexuellen in den vergangenen sechs Jahren bekannt. Ahmet Yildiz ist nun der 19. Fall.

  • Die Autorin ist Journalistin und lebt in Istanbul.