Mundtot gemacht

Auftritt der türkischen Band Grup Yorum 2014

Verfolgt und angeklagt: Mit politischem Songwriting erhebt die türkische Band Grup Yorum seit 1987 ihre Stimme.

Amnesty Journal 03/2020 11. Juni 2020

Musiker stehen weltweit unter Druck. Die Organisation Freemuse zählt viele Fälle von Zensur und Inhaftierungen und vereinzelt sogar Ermordungen.

Von Daniel Bax

Anfang Mai starb mit Ibrahim Gökçek das zweite Mitglied der Band Grup Yorum. Nachdem er kurz zuvor seinen Hungerstreik nach 320 Tagen abgebrochen hatte, erlag der Bassist in einem Istanbuler Krankenhaus den Folgen dieser Tortur. Einen Monat zuvor war die Sängerin der Band, Helin Bölek, nach 288 Tagen im Hungerstreik gestorben. Die beiden Musiker hatten mit ihrem Todesfasten gegen ein jahrelanges Auftrittsverbot für ihre Band sowie gegen Razzien und die Inhaftierung anderer Musiker protestiert.

Generationen von Linken inspiriert

Die 1985, wenige Jahre nach dem Militärputsch in der Türkei, gegründete Band Grup Yorum hat mehrere Generationen von Linken in der Türkei begleitet und ein Lebensgefühl geprägt. „Yorum“ bedeutet so viel wie „Kommentar“, und das brachte das Selbstverständnis der Band auf den Punkt. Besetzung und Arrangements wechselten über die Jahre, doch ihrer Linie blieb die Band stets treu. Ihre Protestsongs im türkischen Folkstil waren oft plakativ und voller Pathos, mit klaren und kämpferischen Botschaften und Covern voller wehender roter Fahnen. Die Band steht der „Volksbefreiungsfront der Türkei“ DHKP-C nahe, eine in Europa und der Türkei verbotene linke Extremistengruppe. Die Popularität der Band reichte aber weit über diese Kreise hinaus. Ihre überragende Bedeutung zeigte sich 2010, als Grup Yorum zum 25-jährigen Bandjubiläum vor 50.000 Menschen ein umjubeltes Konzert im Istanbuler İnönü-Stadion gab. Die Repression der vergangenen Jahre aber hat die Band fast zerstört. Die Beerdigung von Ibrahim Gökçek wurde von Tumulten begleitet. Die verbliebenen Musiker haben aber angekündigt, weitermachen zu wollen.

Musik gegen das Regime

Auch anderswo verloren Künstler ihr Leben, weil Machthaber sie zum Schweigen bringen wollten. In Ägypten starb Anfang Mai der 24-jährige Filmemacher Shady Habash in der Haft. Er war mehr als ein Jahr zuvor festgenommen worden, nachdem er bei einem Musikvideo des Rocksängers Ramy Essam Regie geführt hatte. Der Song „Balaha“ richtete sich gegen Ägyptens Militärherrscher Abdel Fattah Al-Sisi, das Video zu „Balaha“ wurde bei YouTube mehr als fünf Millionen Mal aufgerufen. Ramy Essam war einer der Wortführer der Proteste auf dem Tahrirplatz, er war verhaftet und gefoltert worden und lebt seit 2014 in Schweden im Exil.

Die Organisation Freemuse hat es sich zur Aufgabe gemacht, solche Fälle zu dokumentieren. Für das vergangene Jahr hat sie 711 Verstöße gegen die Kunst- und Meinungsfreiheit gezählt, in insgesamt 93 Ländern. Darunter waren sechs Morde, zwei davon alleine in Uganda. Ein Drittel aller Fälle betraf Musiker.

Ägypten und die Türkei gehören zu den Ländern, denen Freemuse eine besorgniserregende Entwicklung bescheinigt. Aber auch China, Indien, Indonesien, Brasilien und sogar die USA und Frankreich bieten Anlass zur Sorge. Der wachsende Nationalismus und Populismus führe dazu, dass oppositionelle Stimmen und ethnische Minderheiten oder die LGBTQI-Community marginalisiert und unterdrückt werden, sagt Freemuse-Direktor Srirak Pliplat. Das ist leider ein weltweiter Trend.